Werte tragen durch jede Krise

Unternehmerisch, als auch persönlich.

Werte tragen durch jede Krise

Dr. Siffl im Gespräch mit Bernhard Schindler

Dr. Peter Siffl im Gespräch mit Bernhard Schindler über Unternehmertum, Orientierung und innere Stabilität

In Zeiten steigender Kosten, wachsender Bürokratie und struktureller Umbrüche steht der Mittelstand unter erheblichem Druck. Neben ökonomischen Fragen rücken zunehmend Themen wie Orientierung, Verantwortung und innere Stabilität in den Vordergrund. Im Gespräch mit dem Kath. Diakon Dr. Peter Siffl reflektiert Unternehmer Bernhard Schindler, was Unternehmen heute trägt – was ihnen zunehmend fehlt an Wille und Glaube und wie sie in herausfordernden Zeiten agieren müssen.

Dr. Siffl: Herr Schindler, Sie arbeiten täglich mit Unternehmern unterschiedlicher Branchen. Wie stellt sich die aktuelle Lage im Mittelstand aus Ihrer Perspektive dar?

Schindler: Viele Unternehmen funktionieren nach außen stabil, stehen aber innerlich unter erheblichem Druck. Das betrifft nicht nur wirtschaftliche Kennzahlen wie Energiepreise, Materialkosten oder Fachkräftemangel. Entscheidend ist eine zweite Ebene: die Frage nach Orientierung.

In Gesprächen zeigt sich häufig, dass Unternehmer zwar operative Probleme lösen, aber die grundlegende Frage aus dem Blick gerät: Wofür steht mein Unternehmen eigentlich – jenseits von Umsatz und Wachstum? Wenn diese Orientierung fehlt, entstehen Unsicherheit und Erschöpfung, selbst bei wirtschaftlich tragfähigen Betrieben.

Dr. Siffl: Sie sprechen von Orientierung. Welche Rolle spielen Werte in diesem Zusammenhang – jenseits abstrakter Begriffe?

Schindler: Werte sind kein Zusatz, sondern eine strukturelle Grundlage unternehmerischen Handelns. Entscheidend ist, dass sie konkret gelebt werden.

Das zeigt sich beispielsweise darin,

wie mit Mitarbeitern in Belastungssituationen umgegangen wird,
ob kurzfristiger Gewinn über langfristige Kundenbeziehungen gestellt wird,
oder ob Verantwortung auch dann übernommen wird, wenn sie wirtschaftlich nicht unmittelbar vorteilhaft ist.
Unternehmen, die ausschließlich zahlengetrieben agieren, reagieren in Krisen oft kurzfristig und instabil. Unternehmen mit klaren Werten hingegen haben eine innere Orientierung, die auch unter Druck handlungsfähig macht.

Dr. Siffl: In Ihren Ausführungen fällt ein Begriff, der im wirtschaftlichen Kontext selten verwendet wird: Behutsamkeit. Wie ist dieser Begriff konkret zu verstehen?

Schindler: Behutsamkeit beschreibt für mich eine Form von unternehmerischer Achtsamkeit. Es geht darum, Entscheidungen nicht ausschließlich unter Effizienzgesichtspunkten zu treffen, sondern ihre Auswirkungen auf Menschen mitzudenken.

Gerade im Handwerk wird das sichtbar: Ein Produkt entsteht dort nicht nur funktional, sondern trägt Erfahrung, Sorgfalt und oft auch persönliche Identifikation. Wenn dieser Aspekt verloren geht und ausschließlich Geschwindigkeit und Skalierung dominieren, verliert das Unternehmen an Qualität – nicht nur im Produkt, sondern auch in der Kultur. Behutsamkeit bedeutet daher nicht Langsamkeit, sondern bewusste Gestaltung von Prozessen mit Blick auf den Menschen.

Dr. Siffl: Viele Betriebe berichten von Überforderung. In der öffentlichen Diskussion wird häufig der Begriff „Resilienz“ verwendet. Was bedeutet Resilienz im unternehmerischen Kontext konkret?

Schindler: Resilienz wird oft missverstanden als reine Belastbarkeit. Tatsächlich geht es um etwas anderes: um die Fähigkeit zur stabilen Anpassung unter Druck. Das lässt sich auf drei Ebenen betrachten:

Individuell: Unternehmer müssen lernen, sich selbst zu führen – ihre Belastungsgrenzen zu erkennen und bewusst mit Stress umzugehen.
Organisational: Strukturen müssen so gestaltet sein, dass Verantwortung verteilt wird und nicht ausschließlich auf einzelnen Personen lastet.
Sozial: Austausch und tragfähige Netzwerke sind entscheidend. Isolation ist einer der größten Risikofaktoren.
Resilienz bedeutet also nicht, alles auszuhalten, sondern so zu handeln, dass man langfristig handlungsfähig bleibt.

Dr. Siffl: In meiner Arbeit erlebe ich häufig, dass äußere Stabilität und innere Erschöpfung auseinanderfallen. Dabei spielt oft auch eine tiefere Ebene eine Rolle. Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht der Glaube im unternehmerischen Kontext?

Schindler: Glaube sollte differenziert betrachtet werden. Es geht nicht ausschließlich um Religion im institutionellen Sinne, sondern um eine Form von grundlegender innerer Verankerung. Man kann zwei Ebenen unterscheiden:

Religiöser Glaube: Für viele Menschen eine konkrete Quelle von Halt, Orientierung und Sinn.
Existentielles Vertrauen: Die Überzeugung, dass der eigene Weg trotz Unsicherheit tragfähig ist.
Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, worauf ein Mensch innerlich aufbaut. Wenn ausschließlich äußere Faktoren Sicherheit geben sollen, entsteht Instabilität. Ein innerer Anker – gleich in welcher Form – kann helfen, auch in unsicheren Phasen orientiert zu bleiben.

Und da ist noch was Herr Siffl:

Glaube ist Stärke in schwierigen Zeiten und Situationen. Einmal kurz inne halten, sich selbst etwas Gutes tun, auf etwas freuen, kleine Ziele feiern. Der Glaube an das gute, gerade wenn einem Gegenwind entgegen kommt. Ruhig bleiben, gekonnt mit tiefer Überzeugung unbeirrt durch die aufkommende Angst hindurch. Immer im Fokus und dem richtigen Glauben.

Dr. Siffl: Das Handwerk steht derzeit unter besonderem Druck – Stichworte sind Fachkräftemangel, Nachfolgeprobleme und steigende Anforderungen. Sehen Sie hier eine strukturelle Gefährdung?

Schindler: Ja, und zwar in einem Ausmaß, das oft unterschätzt wird. Das Handwerk ist nicht nur ein wirtschaftlicher Sektor, sondern ein zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Stabilität. Wenn Betriebe keine Nachfolge finden oder Fachkräfte fehlen, geht nicht nur wirtschaftliche Leistung verloren, sondern auch Wissen, Erfahrung und regionale Identität. Deshalb braucht es mehr als Förderprogramme. Notwendig sind:

gesellschaftliche Aufwertung,
verlässliche Rahmenbedingungen,
und eine stärkere Sichtbarkeit der Bedeutung des Handwerks.

Dr. Siffl: Was würden Sie einem Unternehmer oder einem kleinen Betrieb konkret mitgeben, der sich aktuell in einer schwierigen Situation befindet?

Schindler: Drei Punkte sind aus meiner Sicht zentral:

Klärung der eigenen Werte: Wofür steht das Unternehmen – konkret und im Alltag überprüfbar?
Aufbau tragfähiger Beziehungen: Unternehmerische Verantwortung muss nicht isoliert getragen werden. Austausch ist ein stabilisierender Faktor.
Bewegung trotz Unsicherheit: Nicht Perfektion ist entscheidend, sondern Handlungsfähigkeit. Stillstand verstärkt Krisen.

Dr. Siffl: Ein abschließender Gedanke: Was ist aus Ihrer Sicht der entscheidende Faktor für die Zukunft von Unternehmen?

Schindler: Unternehmen scheitern selten zuerst an Zahlen. Häufiger verlieren sie ihre innere Orientierung. Wenn der Mensch im Unternehmen aus dem Blick gerät – als Unternehmer, als Mitarbeiter, als Kunde – verliert das Unternehmen langfristig seine Grundlage. Wirtschaftliche Stabilität beginnt daher nicht im Außen, sondern in der inneren Klarheit darüber, wofür man steht.

Dr. Siffl: Dann fasse ich unser Gespräch zusammen: „Nicht die Krise gefährdet Unternehmen – sondern der Verlust von Orientierung.“

Über die Gesprächspartner:

Dr. Peter Siffl ist Kath. Diakon, Dozent, Autor, Theologe, Sozialpädagoge und Sozialwissenschaftler. Er beschäftigt sich mit Fragen von Ethik, Spiritualität und gesellschaftlicher Verantwortung sowie deren Bedeutung für professionelle Praxis und Lebensführung.

Bernhard Schindler ist Unternehmer, Autor und Netzwerker mit Fokus auf Mittelstand, Wachstum und strategische Verbindungen.

Kontakt
Innovation Circle Managementgesellschaft mbH
Andreas Wagner
Gewerbering 38a
91341 Röttenbach
091959364440

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