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„Ein Geschenkgutschein ist ein Zeichen von Respekt“

Das Geschenk zwischen Wettkampf und Selbstlosigkeit. Ein Gespräch mit dem Freiburger Soziologen Sacha Szabo vom Institut für Theoriekultur über das „Schenken“

Sacha Szabo – Soziologe

Nicht nur zu Weihnachten, Geburtstag, Muttertag, Valentinstag, es scheint eine Inflation an Tagen zu geben an denen man etwas schenkt. Viele tun es mit Freude, für andere ist es eine richtige Qual das richtige Geschenk zu finden und dann gibt es noch das Klischee, dass Männer den Hochzeitstag vergessen. Warum ist das mit dem Schenken so schwer? Wir sprachen darüber mit dem Freiburger Soziologen Dr. Sacha Szabo vom Institut für Theoriekultur , der sich intensiv mit Alltagskulturen beschäftigt.

Warum schenkt man überhaupt?
Sacha Szabo: Schenken ist etwas exklusiv Menschliches. Natürlich erlebt man auch bei Tieren, dass diese ihrem Partner manchmal etwas mitbringen, aber dahinter steht immer eine Intention. Das wirkliche Schenken ist aber etwas, bei dem der Schenkende keine Gegengabe erwartet. Es ist ein Akt der Selbstlosigkeit. Aber die sozialen Konventionen in unserer Kultur legen fest, so wie das Sheldon Cooper in der Folge die Geschenk-Hypothese der Serie Big Bang Theory ausgeführt hat. Jedes Geschenk enthält die Verpflichtung ein etwa gleichwertiges Gegengeschenk zu schenken. Häufig kommt es dabei auch zu einem Geschenkwettbewerb.

Ein Geschenkwettbewerb.
Sacha Szabo: Wenn man ein besonders persönliches oder originelles Geschenk erhalten hat, darf das eigene natürlich nicht unbedacht ausgewählt sein. Dies ist ein häufiges Thema in den Stand Up Comedys im Fernsehen. Aber es gibt auch einen Geschenkwettkampf der noch stärker um das Prestige ringt, das ist der Potlatsch.

Was ist der Potlatsch?
Sacha Szabo: Der Potlatsch ist ein ritueller Geschenkwettbewerb zwischen bestimmten indigenen Völkern Nordamerikas. Auf jedes Gastgeschenk muss mit einem noch größeren Geschenk geantwortet werden. Dies geht so weit, bis einer der Stämme nicht mithalten kann und in diesem Wettkampf unterliegt. Dieser Wettkampf führte bisweilen dazu, dass manch ein Stamm in den Ruin geführt wurde. Eine Analogie findet man auch noch heutzutage, wenn Verwandte sich gegenseitig mit Geschenken überhäufen und der materielle Wert als Gradmesser der Güte der Geschenke genommen wird und bei der Gegengabe mindestens diese Güte erreicht werden muss.

Was kann man gegen den Geschenkwettkampf tun?
Sacha Szabo: Nun man kann auf das Schenken verzichten, das wird nicht selten praktiziert oder man setzt ein Limit. Auch können bestimmte Ereignisse, etwa der achtzehnte Geburtstag, dazu herhalten nicht mehr zu schenken.

Es gibt immer mehr Geschenkgutscheine warum?
Sacha Szabo: Man kann den Geschenkgutschein als Geldsurrogat betrachten. Ich schenke einen bestimmten Betrag und damit es nicht zu unpersönlich erscheint schenke ich einen Gutschein. Dies kann natürlich den Nachteil haben, dass der Beschenkte mit dem Gutschein auch gar nichts anfangen kann. Das ist dann ein gutes Geschäft für den ausstellenden Shop. Der Geschenkgutschein ist ein Symptom einer auf Konsum angelegten Gesellschaft und ist eben sehr unpersönlich.

Das klingt jetzt alles sehr kritisch.
Sacha Szabo: Das ist eine Seite des Gutscheins. Die positive Seite des Gutscheins ist, dass sich der Beschenkte nämlich das kaufen kann was er wirklich will. Häufig kommt es nämlich auch zu einer Art Geschenkkonflikt. Man bekommt ein Geschenkt das hässlich wie die Nacht ist, aber die sozialen Konventionen verlangen es, dass es dennoch in der Wohnung aufgestellt wird. Im Übrigen auch ein beliebtes Thema in den Comedys. Dieser Einbruch des ungewünschten in den Intimraum den eine Wohnung darstellt. Der wird natürlich durch einen Geschenkgutschein elegant vermieden. Insofern ist ein Geschenkgutschein ein Zeichen von Respekt.

Es gibt ja auch noch andere Geschenke.
Sacha Szabo: Nun, da ein Geschenk die soziale Verpflichtung für ein Gegengeschenk strukturell in sich trägt, werden natürlich auch Geschenke mit dem Hintergedanken einer sublimen Form der Korruption gemacht. Ich spendiere einer Vorzimmerdame eine Praline und hoffe auf eine Vorzugsbehandlung. Im öffentlichen Sektor ist dies verboten und wird dort glaube ich „Anfütterung im Amt“ genannt.

Und Werbegeschenke?
Sacha Szabo: Werbegeschenke dienen zuerst einmal als Marketinginstrument. Name-dropping ist beispielweise mit dem Werbekugelschreiber verbunden. Aber der Gedanke der Gegengabe, nämlich dass der Beschenkte sich nun verpflichtet fühlt, ist auch bei diesen scheinbar belanglosen Geschenken eingeschrieben.

Wenn Sie über das Schenken sprechen, schenken Sie selbst dann überhaupt noch?
Sacha Szabo: Sehr gerne sogar. Für mich ist, so merkwürdig das klingt, das Schenken eine Lektion in Selbstlosigkeit. Ich übe mich darin für meine Tat nichts zu erwarten.
Und gelingt es?
Sacha Szabo: Manchmal (lacht)

Das Institut für Theoriekultur ist einer von Deutschlands führenden Theoriedienstleistern.

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